Welcher Strauch?

Maria Merz 13.10.2024

Welcher nicht häufige indigene Strauch verpackt seine Samen in hübsch glänzende, steinharte Nüsschen? Fundort: Oberhofen am Thunersee, im öffentlichen Bereich, wohl angepflanzt.

12.10.2024 Oberhofen am Thunersee (Maria Merz)

10 Réponses

In der Schweiz ist mir übrigens bislang noch überhaupt kein Vorkommen von Staphylea pinnata untergekommen, wo ich eine Verwilderung oder Anpflanzung sicher ausschliessen könnte. Kennt jemand “gesicherte" Wildvorkommen dieser Art bei uns?

Gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Das einzige grössere Vorkommen, das ich kenne, befindet sich unterhalb einer Burgruine im Jura und ist somit auch etwas "louche". Zudem gilt es zu bedenken, dass gepflanzte bzw. verwilderte Staphylea eventuell nicht “reinrassig” sind, da im Gartenhandel oft auch Staphylea colchica im Angebot ist oder ein Hybride mit dieser (wohl wegen des guten Blütengeruchs dieser georgischen Art).

Danke! S. colchica dürfte wohl besonders bei neuartigen Verwilderungen ein Thema sein. Übrigens habe ich schon gelesen, dass auch in Botanischen Gärten die beiden Arten teils falsch etikettiert sein sollen.
In Ostösterreich (z.B. Leithagebirge oder Hundsheimer Berge) sieht man die Pimpernuss hingegen häufig in den dortigen thermophilen Wäldern, wo sie natürlicherweise vorkommt. Die Früchte sollen in Osteuropa ja auch gegessen werden. Ich habe dies nun auch ein paar Mal probiert und finde den Geschmack wirklich sehr angenehm!

Danke allen für die Antworten. Dass es nebst Staphylea pinnata noch St. colchica gibt, habe ich gar nicht gewusst.

12.10.2024 Darin waren die Nüssli versteckt, maximal 4 pro Frucht (Maria Merz)
17.04.2017 ...und so hat der Strauch geblüht (Maria Merz)

Unsere Pimpernuss gehört zu einer eigenen Familie, für die sie namensgebend geworden ist (Staphylaceae). Darin umfasst nur schon die Gattung der Pimpernüsse (Staphylea) ca. 11 Arten auf der Nordhalbkugel!

S. pinnata ist ja vor allem osteuropäisch verbreitet, wie Jonas schreibt, doch ist nicht ausgeschlossen, dass sie es postglazial in einer wärmeren Zeitperiode bis zu uns in die Schweiz geschafft hat und einige Wärmeinseln des Tilion platyphylli von selbst erobern konnte. Heute existieren wohl nur noch wenige isolierte ursprüngliche Vorkommen bei uns, wobei es sehr schwierig ist, die Westgrenze ihrer Verbreitung zu eruieren. Dazu bräuchte es wohl eine populationsgenetische Studie. Interessant einmal mehr, was Hegi dazu schon wusste:

Staphylea pinnata gehört dem ostmediterran-pontischen thermophile Elemente an. Am häufigsten findet sich der Strauch an sonnigen, ziemlich trockenen Orten auf kalkreichen Unterlagen der Bergstufe der Mittelgebirge und Alpen. Hier ist er meist ein Glied der Laubmischwälder vom Charakter des Eichen-Linden-Mischwaldes, so z. B. in den südöstlichen Kalkalpen, in den Sudeten und in Südmähren. Reichlich tritt er auch in den Eichenwäldern der Karpaten und der Illyrischen Gebirge, in den Strauch-Gesellschaften trockener und warmer Hänge auf, wie z. B. in Niederösterreich in den Beständen von Prunus fruticosa, zusammen mit mit P. nana und P. spinosa, Crataegus monogyna, Rosa-und Rubus-Arten, Evonymus verrucosa, Viburnum Lantana usw., in den Siebenbürgener Karpaten und im Banat nach H a y e k in den durch Cotinus Coggygria gekennzeichneten Gebüschen, gemeinschaftlich mit Quercus pubescens, Crataegus spec., Ligustrum vulgare, Fraxinus Ornus, Carpinus Orientalis, Prunus dasyphylla, Acer Tataricum, Cytisus div. sp. Seltener erscheint die Art in Buchenwäldern, in Ufergebüschen, Auenwäldern, feuchten Schluchten oder an Felsen, wie z. B. am Vierwaldstättersee zusammen mit Colutea arborescens, Coronilla Emerus, Fumana ericoides, Geranium sanguineum, Vicia Gerardii usw. Aus der Kultur entwichen siedelt sie sich gern an Waldrändern und in Hecken an. Die Festlegung der Verbreitungsgrenzen des Strauches in Mitteleuropa stösst infolge der häufigen Anpflanzungen und der damit in Verbindung stehenden Verwilderungen (oft durch Ausschlaglohden) auf grosse Schwierigkeiten (Zit. Hegi  V, 1  pp. 259-260)

Wow, herzlichen Dank @Maria, Blumenwanderer & Jonas!

Staphylea colchica und die Hybride hatte ich zugegeben nicht auf dem Radar…
Tolle Fotos und einen Schlüssel habe ich auf blumeninschwaben.de gefunden
https://www.blumeninschwaben.de/Hauptgruppen/pimpernuss.htm#4

.. und eine sehr ausführliche, lesenswerte Publikation zur Gattung, mit Fotos, wissenschaftlichen Illustrationen und einem Schlüssel von
Weaver, R.E. Jr. 1980: The bladdernuts. Arnoldia 40(2): 76–93

→ Arnoldia Archive: https://arboretum.harvard.edu/arnoldia/arnoldia-archive/
pdf des Artikels

Aufgrund des hängenden Blütenstandes, der rosa angehauchten, anliegenden Kelchblätter und der runden Früchte tippe ich bei den Fotos von Maria auf Staphylea pinnata. 

Das ist für mich das Wunderbare an openflora: wegen einer simplen, harmlosen Quiz-Anfrage bekomme ich viele spannende Informationen zur angefragten Art geliefert. 

Vielen herzlichen Dank an alle Sachkundigen!

Dankeschön auch dir, liebe Maria, für die immer spannenden Rätsel! Auch ich bin der Ansicht, dass es sich in Oberhofen wohl um eine echte pinnata handelt, auf jeden Fall keine Hybride (diejenige mit S. colchica würde Staphylea x elegans heissen), denn dann würden die Früchte unentwickelt bleiben.

Diese Nüssli sind extrem hart wie Kieselsteine, zumindest konnte ich sie fast nicht öffnen, als ich sie einmal kosten wollte. Als Frostkeimer wird ihre Schale erst durch Kälte mürbe, sodass sie keimen können. Allzu warm darf es also an ihrem Standort dann auch nicht sein (von wegen Thermophilie etc.).

Superspannend finde ich die Blasen-Früchte dieser in den letzten Jahrhunderten so oft als Nutz-Zier-und Zauberpflanze kultivierten Pimpernüsse! Diese zählen zum Typus der Blähfrüchte. Davon gibt es auch wenige Beispiele aus anderen Familien wie Colutea arborescens, Astragalus penduliflorus, Nigella damascena oder Physalis. Diese kleinen Lampiönchen sind wahrlich wundersame Dinger! Denn diese Blähfrüchte werden während des Heranreifens durch einen leichten Überdruck aus CO²-haltiger Luft regelrecht aufgespannt und erst kurz vor der Vollreife wieder gasdurchlässig!

Für die Hintergrundinformationen zitiere ich einmal mehr den guten Gustav:

„Nach O. Baumgärtl (Sitzungsberichte der K. Akademie der Naturwissenschaften in Wien, mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse. Bd. 126, 1917) enthalten diese Pneumatokarpien von Staphylea pinnata ein unter Ueberdruck stehendes Gemisch von Luft mit reichlicher CO2-Beimischung, die aus dem äusserst lockeren, schwammigen, weitmaschigen, chlorophyllhaltigen Gewebenetz des Mesokarps stammt, in welchem Assimilation und Atmung stattfinden. Das entstehende Kohlendioxyd tritt durch die mit Flüssigkeit erfüllten Zellen des 1»schichtigen Endokarps in das hohle Fruchtinnere. Ein Entweichen nach aussen wird durch das ziemlich undurchlässige Exokarp stark gehindert, das epidermalen Charakter besitzt und arm an Spaltöffnungen ist. Erst zur Zeit der Fruchtreife trocknet dieses Gewebe aus und wird dadurch für Gase durchlässig. Gleichzeitig öffnen sich aber die Früchte entlang der Trennungsnähte, die im Mesokarp durch längs gerichtete und verholzte, im Endokarp und Exokarp durch längsgerichtete Zellen vorgebildet sind. Nach Baumgärtl liegt die biologische Rolle der inneren Lufthülle derartiger Blähfrüchte in der Schaffung eines luftgesättigten Raumes für die Samenentwicklung. Paul Vogler und auch Neger wollen darin auch ein Mittel sehen, die Frucht für die Verbreitung durch den Wind leicht und geräumig zu machen. Diese Annahme dürfte sich allerdings kaum halten lassen, da sich die Früchte nicht von den Rispen ablösen und vielfach im Frühling noch am Strauch hängen. Wahrscheinlicher dürfte die Annahme sein, dass die hell gefärbten, grossen Früchte — wie z. B. bei Colutea arborescens und Physalis-Arten — ein gutes Anlockungsmittel für diejenigen Tiere sind, die die Samen ohne Schaden fressen und unverdaut wieder abgeben, wie das von Heintze für Astragalus penduliflorus nachgewiesen worden ist. — "

(Hegi: Bd. V, 1. Teil, p. 261)

“…da sich die Früchte nicht von den Rispen ablösen und vielfach im Frühling noch am Strauch hängen.”

Mindestens was “meine” Staphylea angeht, muss ich da widersprechen. Ich habe sie heute besucht. Am Strauch hängen gerade mal noch 4 Kapseln, am Boden habe ich mehr als 40 gezählt. Sie lagen alle direkt unter dem Strauch, nicht weiter weg “vom Winde verweht”. Es hat aber auch in der letzten Zeit keine Sturmwinde gegeben. 

25.10.2024 (Maria Merz)
25.10.2024 (Maria Merz)