Bei den Epilobium dodonaei-Fruchtständen finde ich es sehr hübsch, wie sich die “Seitenwände” (gibt es da einen Fachbegriff?) der leeren Kapseln fast kreisrund einrollen. (Foto 1). Nun habe ich beobachtet, das sie sich bei Regen wieder strecken (Foto2), aber dann bei Trockenheit von neuem einrollen. Dies ist jetzt schon mehrmals so passiert: einrollen - strecken - einrollen - strecken usw. Die leeren Kapseln sind ja dürr, also eigentlich tot. Oder eben doch nicht? Wie funktioniert dieser Mechanismus, ähnlich oder gleich wie bei Föhren- oder Tannenzapfen? Eine Seite dehnt sich aus, die andere zieht sich zusammen, oder beides gleichzeitig?
2 Risposte
Tolles Beispiel für einen botanischen Hygrometer :-)
Verschiedene Arten vollführen sog. hygroskopische Bewegungen, d.h. abhängig von der Luftfeuchtigkeit sind gewisse Organe (Grannen, Blütenstiele etc.) eingerollt oder gerade gestreckt.
Schöne Beispiele dafür sind u.a.
https://www.openflora.ch/de/wiki/equisetum-511.html
(Simons, P. 1994: Pflanzen in Bewegung – Das Muskel- und Nervensystem der Pflanzen. Birkhäuser. Seite 40).
Die Bewegung wird bei der Wilden Möhre durch Zellen am Blüten- resp. Fruchtstiel ausgeführt: Die Zellen nehmen bei feuchter Witterung Wasser auf, schwellen an und biegen den Fruchtstiele zur Mitte. Bei trockenen Bedingungen verlieren die Zellen Wasser und schrumpfen – und die Stiele biegen sich wieder nach aussen.
-> der untere Teil der Frucht dreht sich bei trockener Witterung korkenzieherartig ein, der obere Teil biegt sich sichelförmig um. Bei feuchten Bedingungen streckt sich die ganze Teilfrucht wieder vollständig.
Die Bewegung "beruht auf einer Entquellung der Zellwände, deren Textur (Verlauf der Zellulosemikrofibrillen) sich im äusseren und inneren Fruchtwandbereich in der Weise unterscheidet, dass sich die Zellulosemikrofibrillen in ihrer jeweiligen Hauptrichtung im spitzen Winkel kreuzen. Bei Benetzung einer Diaspore entspiralisiert sich der basale Karpellteil." (Leins, P. & Erbar, C. 2008: Blüte und Frucht – Morphologie, Entwicklungsgeschichte, Phylogenie, Funktion, Ökologie. 2. Auflage. E. Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung. Seite 279).
Eine Illustration der unterschiedlich "geschichteten" Fruchtwand, welche für die Drehungen verantwortlich ist, findet sich beispielsweise bei Steinbrinck, C. 1906: Über Schrumpfungs- und Kohäsionsmechanismen von Pflanzen. Biologisches Centralblatt XXVI, Nr. 21. Fig. 22 auf Seite 732:
https://www.zobodat.at/pdf/Biologisches-Centralblatt_26_0721-0744.pdf
Ich nehme an, dass die Früchte des Weidenröschens (Epilobium) ebenfalls bei Feuchtigkeit anschwellende resp. bei Trockenheit schrumpfende Zellen aufweisen, welche die Bewegungen auslösen; Literatur/Beschreibungen dazu habe ich aber keine gefunden.
Die “Seitenwände” der schmalen Früchte werden z.B. von Leins/Erbar (2008) “Fruchtklappen” genannt, in der Flora der Schweiz “Teile der Fruchtwand”.
Wer weiss mehr zum Thema, auch zu weiteren Art-Beispielen?
Liebe Muriel
Kurze Frage - lange Antwort. Vielen herzlichen Dank für die ausführlichen Erklärungen über die interessanten “Machenschaften” vieler Pflanzen. Super-spannend! So habe ich viel Neues erfahren und gelernt, ohne dass ich solche Informationen selber zusammensuchen muss. Das ist ein toller Service von openflora!
Liebe Grüsse Maria