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Grössenunterschiede

Lorenz Scherler
Lorenz Scherler 21.06.2022

Anfang Juni habe ich zum ersten mal einen Traubengamander / Teucrium botrys gefunden. Aufgrund der fehlenden Oberlippe war ich rasch bei der Richtigen Gattung, das finden der Art bot dann keine weiteren Schwierigkeiten. Erstaunt war ich nur über die Grösse…der Winzling war kaum 5 cm hoch und versteckte sich gut in den dort vorhandenen Ophrys. Fundort war ein Xerobromion an Jurasüdfuss in sehr flachgründigem, hitzeexponiertem Felsen-Plattengebiet.

Umso mehr überraschte mich dann dieser Post hier, bei dem dieselbe Art an weitaus ordinärerem Standort wesentlich grösser Präsentierte, schätzungsweise eher 30 cm oder mehr.

Trauben-Gamander im Juni 2022 von Muriel Bendel · iNaturalist

Gemäss FH beträgt die Wuchshöhe 10 - 30 cm.

Für mich ist klar, dass eine mögliche Ursache für solche Grössendifferenz unterschiedliche Substrate, klimatische Unterschiede, Nährstoffangebot und Störungen sein können. All das scheint mir hier nicht markant vorhanden zu sein. Kann da die Sippe auch eine Rolle spielen? Ich denke bei dieser Art zum Beispiel aufgrund der geringen Verbreitung und Anzahl von Individuen insgesamt an Unterschiede in den Sippen, die sich über lange Zeit herausgebildet haben können.

Herzliche Grüsse

Lorenz

Teucrium botrys, 04.06.2022, Xerobromion, südexponierte Hanglage Jurasüdfuss (Lorenz Scherler)

3 Antworten

Spannende Frage. Quasi der Klassiker „Genetik oder Umwelt?“

Habe ich mich heute angesichts von mikrigen Plantago lanceolata Berg-Formen auch gefragt.

Ohne Experimente kann man wohl keine schlüssige Antworten geben. Und mit Experimente ist die Antwort glaub oft „ein bisschen sowohl als auch“.  :)

Lieber Lorenz

Der Standort "meiner" Teucrium botrys Pflanzen ist tatsächlich sehr ordinär und kann mit einem Xerobromion am Jurasüdfuss nicht ansatzweise mithalten :-) Es handelt sich um den Rand eines Autoparkplatzes mitten in der Stadt Bern. Da ich in der Nähe wohne, statte ich den Pflanzen seit mehreren Jahren immer wieder einen Besuch ab. Dieses Jahr gedeihen die Pflanzen fast schon üppig und sind bereits 40 cm hoch. 

Strikt einjährig scheinen die Pflanzen an diesem Ruderal-Standort nicht zu sein: Wenigstens einige Individuen überwintern und sind damit eigentlich zweijährig.
Ein Blick in den "Hegi – Illustrierte Flora von Mitteleuropa" (Band V, Teil 4; 1975) bestätigt die Beobachtung: Teucrium botrys wird als einjährig, selten zweijährig beschrieben und überwinterte Individuen sind oft reicher verzweigt und kräftiger als einjährige. Die Grösse der Pflanzen wird in Klammern mit bis zu 40 cm angegeben. 

Damit scheint die Antwort auf deine Frage nach dem Grössenunterschied wenigstens teilweise gegeben: Neben den am Standort vorherrschenden Bedingungen hat auch das "Alter" (ein- resp. zweijährig) der Pflanzen einen Einfluss auf die Grösse der Pflanzen. 

Im Hinterkopf behalte ich die Genetik trotzdem: Teucrium botrys ist in der älteren Literatur vor allem aus Äckern und "steinigen Orten" bekannt (siehe https://www.openflora.ch/de/die-botanik-plattform-der-schweiz/wiki/teucrium-botrys-176.html > Verbreitungsangaben in der älteren Literatur). Etliche der heutigen ruderalen Vorkommen gehen aber wohl auf Ansaaten zurück, so vielleicht auch der Standort am Rand eines Parkplatzes (und vielleicht wurden für die Samenmischungen gerade die grossen Pflanzen ausgewählt und immer weiter vermehrt – wer weiss). 

Liebe Gruess, Muriel

Hallo Muriel und Hepi

Herzlichen Dank für Eure Antworten. Sehr spannend, ich habe jedenfalls wieder was dazu gelernt!

Muriel, Du scheinst ja einen schier unerschöpflichen Fundus an Botanischen Publikatioen zu haben, sehr intressant was Du da uns allen bis ins 19.Jahrhundert zurück alles berichten kannst!

Häbets guet!

Lorenz