An einem sehr mageren (nur Sand und Steine) und gut besonnten Standort in meinem Garten in Oberhofen am Thunersee gedeihen friedlich nebeneinander: Petrorhagia saxifraga, Petrorhagia prolifera, Allium sphaerocephalon und Sherardia. (Alle aus Samen der näheren Umgebung).
Seit letzten Herbst wuchert nun dort eine Pflanze, die ich als Galium einstufe. Aber keine der Galium-Arten in der Flora helvetica (5. Auflage, 2012) und in der Flora vegetativa scheint mir passend. Sherardia schliesse ich aus, weil die fraglichen Pflanzen in allen Teilen grösser sind und seit Herbst unaufhörlich weiterwachsen, während Sherardia nur noch mit einigen kümmerlichen absterbenden Exemplaren vertreten ist.
Ein um Rat gefragter botanisch sehr versierter Freund macht mich auf Galium murale aufmerksam. Da diese Art weder in meiner Flora helvetica noch in der Flora vegetativa vorkommt, konnte ich sie bei meinen Bestimmungsversuchen natürlich nicht in Betracht ziehen. Und weil Galium murale laut Verbreitungskarte bei Infoflora hier weit und breit nicht vorkommt, bin ich nun ziemlich ratlos.
Kann jemand anhand der beigefügten Fotos (alle vom Januar 2023) jetzt schon weiterhelfen oder muss ich die Blüte abwarten - in der Hoffnung, dass die Pflanzen eine eventuell noch kommende Winterkälte überleben?
Vielen Dank für die Hilfe. Maria
11 Antworten
Hoi Maria
Uff, gute Frage! Ich tue mich mit vegetativen Galium/Sherardia-Pflanzen immer schwer...
Um herauszufinden, wie sich die Ackerröte (Sherardia arvensis) im Winter so schlägt und ob sie der Beschreibung "sommerannuel oder einjährig-überwinternd" (die entsprechenden Zeichen im Rothmaler Grundband 2021) gerecht wird, hab ich einer Population bei mir im Quartier (Stadt Bern) einen kurzen Besuch abgestattet: Die Pflanzen sind Mitte Januar fit und munter und gehören damit offensichtlich zur Fraktion "einjährig-überwinternd" (Fotos unten). Und die morphologischen Details passen zu deinen Pflanzen – Stängel kantig, Blätter in eine knorpelige Spitze auslaufend, auf der Oberseite und am Rand mit abstehenden Borstenhaaren.
Gute Fotos des vor allem mediterran verbreiteten Mauer-Labkrauts (Galium murale) finden sich beispielsweise bei actaplantarum.org: https://www.actaplantarum.org/galleria_flora/galleria1.php?scelta=5&id=1368
Und tela-botanica.org beschreibt Galium murale als "plante annuelle": https://www.tela-botanica.org/bdtfx-nn-29109-synthese -> d.h. Mitte Januar würde ich diese Art nicht (mehr) erwarten.
Ganz aus dem Schneider ist das Mauer-Labkraut (Galium murale) damit natürlich nicht, nur eher unwahrscheinlich :-)
Bin gespannt auf andere Meinungen/Erfahrungen und v.a. wie sich deine Pflanzen weiterentwickeln resp. als was sie sich im Frühling entpuppen!
Lieber Gruss, muriel
Liebe Muriel, vielen Dank für deine ausführliche Antwort und dass du extra einen Kontrollgang in Bern gemacht hast. Am Ursprungsort “meiner” Sherardia - im Schlosspark Oberhofen - kann ich im Moment leider nicht nachschauen gehen. Der Park ist bis im März geschlossen. Es bleibt also spannend. Ich melde mich, sobald sich das Rätsel löst. Liebe Grüsse Maria
Hallo Muriel und alle anderen an der Diskussion Beteiligten. Das Rätsel ist gelöst, Sherardia blüht. Am 21. 4. hat sich eine einsame Blüte geöffnet. Auf Grund meiner Beobachtungen war ich aber schon vorher sicher, dass es sich um Sherardia handeln muss. Auf Foto 2 sieht man deutlich die jungen Frühlingstriebe, die den Blattachseln der Winterblätter entspringen und wesentlich kleiner sind als die Winterblätter.
Hat jemand eine Erklärung für diesen Grössenunterschied der Blätter. Und: Am Beobachtungsort sind ja die Samen alle mehr oder weniger gleichzeitig angefallen. Warum keimen einige bereits im Herbst und andere erst im Frühling?
Bin gespannt auf eure Einschätzungen, vielen Dank! Maria
So sehen die Sherardia arvensis am 4. Mai 2023 aus. Maria
Spannende Frage. Ich kenne G. murale nicht , doch vermute ich, dass alles Sherardia ist, weil die Bilder gut zum winterlichen Form von Sherardia arvensis passen, die ich nun seit elichen Jahren stets an derselben Stelle in Wädenswil beobachte (siehe Fotos).
Lieber Hepi, auch dir vielen Dank. Ja, deine Bilder ähneln meinen Pflanzen schon sehr. Also werden es wohl wirklich Sherardia sein. Aber ganz sicher bin ich erst, wenn sie blühen…
Liebe Grüsse Maria
Guten Abend
Also “meine” Galium murale an bekanntem Standort sahen am 8. Januar so aus:
Gruess Lukas
Merci @Lukas für die Galium murale Fotos! Somit ist das Argument “plante annuelle” für diese Art subito hinfällig, sie schlägt sich sehr tapfer im Winter :-)
Die Blätter von Galium murale scheinen schmaler als bei Sherardia arvensis - aber ob das als verlässliches vegetatives Unterscheidungsmerkmal reicht weiss ich nicht…
Lieber Lukas
kannst du mir verraten, wo “deine” G. murale wachsen? In einem klimatisch ähnlichen Gebiet wie hier am Thunersee, oder allenfalls milder, südlicher? Und hast du sie in kälteren Wintern auch so gesehen oder erstmals in diesem “Pseudowinter”?
Liebe Grüsse Maria
Guten Tag
Bitte gerne.
Ja klar: sie hält sich schon über mehrere Jahre in Sempach. Also wohl durchaus vergleichbar mit Thun oder sogar noch einen Tick weniger mild?
Gruess Lukas
Guten Abend
Auch gestern war Galium murale noch in Form.
Gruess Lukas